
Weiss inzwischen, welcher Aufsatz auf den Akkuschrauber gehört: Architektin Eliane Windlin in ihrem selbstgebauten Pavillon.
Als Architektin sitzt man grösstenteils vor dem Bildschirm und verliert immer mehr den Bezug zum Handwerk. Diese Feststellung bewog Eliane Windlin dazu, ihr Arbeitspensum zu reduzieren und kurzerhand selbst ein Projekt zu entwerfen und zu bauen. Inspiriert von japanischem Minimalismus und der Obwaldner Holzbautradition entstand in über 500 Arbeitsstunden ein Pavillon aus Eschenholz-Fachwerk, der ausschliesslich durch Holz-Steckverbindungen zusammengehalten wird. Der fahrbare Raum ist bewusst kein klassisches Tiny House, sondern ein flexibler Ort, der zum Beispiel als Atelier, Homeoffice oder Gästezimmer genutzt werden kann. Im Interview erzählt Eliane Windlin, was sie bei diesem Projekt über Handwerk, Architektur und sich selbst gelernt hat.
Das Projekt nahm seinen Anfang nach dem Besuch in einer Wagenbauerwerkstatt. Was genau hat Sie dort so fasziniert, dass daraus der Wunsch entstand, selbst etwas zu entwerfen und zu bauen?
Eliane Windlin: Die Wagenbauerwerkstatt war damals noch im alten Tramdepot von Winterthur: riesige alte Hallen mit gigantischen Betonträgern und Stahlkonstruktionen, darin die teils alten, teils neuen Maschinen der Schreinerwerkstatt. Diese Atmosphäre hat mich sofort in den Bann gezogen. In einer zweiten Halle standen Dutzende Wagen in unterschiedlichen Stadien, einige noch als Rohbau-Skelett mit dem klassischen Holzfachwerk, andere schon fast fertig ausgebaut. Als ich erfuhr, dass man als Kundin selbst neben den Schreiner:innen arbeiten darf, war für mich klar: Ich musste etwas bauen. Viele Kund:innen lassen sich das Grundgerüst machen und legen erst beim Innenausbau oder bei den Fassadenbrettern selbst Hand an. Mich interessierte aber gerade das Grundgerüst am meisten. Ich wollte diese Technik unbedingt erlernen und alles von Anfang an selbst erstellen. Also mietete ich mir einfach einen Platz inklusive Maschinenbenutzung.

In einer Wagenbauwerkstatt in Winterthur wurde der Entwurf Realität.

Die Kosten für Material und Infrastruktur beliefen sich auf rund 35'000 CHF.
Wie sind Sie beim Entwurf der Konstruktion vorgegangen? Inwiefern unterschied sich dieser Prozess von Ihrem üblichen Arbeitsalltag als Architektin?
EW: Die Fachwerkkonstruktion war der einfachste Teil, denn sie folgt klaren Regeln. Schwieriger war der Entwurf der Architektur selbst. Man könnte meinen, es gebe nur eine beschränkte Zahl an Varianten, wie man einen Raum unter neun Quadratmetern entwirft. Dem ist leider nicht so. Ich habe mehrere Skizzenbücher gefüllt: Konzeptideen, Variantenskizzen, Fenstereinteilungen, Innenausbau, Fassade. Der fertige Pavillon soll so wirken, als sei er gar nicht «designt» worden. Interessanterweise ist es sehr schwierig, etwas zu entwerfen, das nicht «designt» wirkt und dem Auge zugleich etwas ästhetisch Ansprechendes bietet. Etwas Schönes zu entwerfen ist demnach mit viel Denkarbeit verbunden.
Im Büro ist alles viel direkter. Dort, wo ich arbeite, bewegen wir uns im relativ «normalen» Wohnungsbau, mit allgemeingültigen Standards für den Raumentwurf. Man weiss, was eine gute Raumhöhe oder eine funktionale Raumbreite ist. Wände weiss, Decke weiss, Parkett am Boden. Es wird weniger hinterfragt, und man greift schnell in die Schublade, um bereits ausgeführte Ideen zu recyceln. Beim Pavillon war ich gezwungen, jede Lösung neu auszutüfteln.
«Etwas Schönes zu entwerfen ist mit viel Denkarbeit verbunden.»
Für den Bau waren zahlreiche handwerkliche Fähigkeiten nötig. Wie haben Sie sich dieses Wissen angeeignet?
EW: Als «Schreibtisch-Architektin» hatte ich von nichts eine Ahnung. Klar, ich hatte zuvor schon Regale für den Eigengebrauch zusammengeschraubt, aber ich war es nicht gewohnt, dass etwas «richtig» unter Belastung halten muss. Die Schreiner:innen waren sehr geduldig mit mir und zeigten mir bei jedem Schritt, wie ich die Maschinen bediene und was als Nächstes zu tun ist. Es gab auch peinliche Momente, in denen mich zum Beispiel eine Schreinerin darauf aufmerksam machte, dass ich meinen Akkuschrauber mit dem falschen Aufsatz bestückt hatte oder mit dem Besen in die falsche Richtung kehrte – Dinge, die ein Schreinerlehrling wahrscheinlich im ersten Lehrjahr gelernt hätte. Das ganze Projekt war gehörig ausserhalb meiner Komfortzone, die ich während des Prozesses jedoch stetig erweitern konnte.

Die Grundkonstruktion des Pavillons ist eine reine Holz-Steckverbindung: Dabei werden Eschenholzstäbe mit Zapfen und Holznägel zu einem (beweglichen) Fachwerk verbunden und mit Diagonalen wieder ausgesteift.

«Das Material Holz ist nicht teuer. Teuer sind die Fertigbauteile, weil dort bereits externe Arbeitsstunden drinstecken.»
Gab es Momente, in denen Sie das Projekt aufgeben wollten? Was waren die grössten Hürden, und was hat Sie letztlich motiviert, weiterzumachen?
EW: Es gab einen kritischen Moment, als ich mein Konzept so weit finalisiert hatte, dass ich die ausgedruckten Konstruktionspläne mit dem Schreiner Tobias Jordi ein letztes Mal vor der Holzbestellung durchging. Er wies mich darauf hin, dass ein Giebeldach für einen so kleinen Raum konstruktiv gar nicht nötig sei: Es frisst Platz und führt zu komplexeren Details. Ich solle doch auf ein Tonnendach wie bei den Wagen ausweichen oder zur Not auf ein Pultdach. An jenem Abend ging ich nach Hause und baute sofort ein neues Arbeitsmodell aus Karton, um Varianten mit anderen Dachformen zu testen. Aber egal, wie ich es drehte und wendete: Es machte das Projekt nicht besser. Konzeptuell brauchte das Haus ein Giebeldach. Mir war wichtig, dass es nicht wie ein Fahrzeug und nicht wie ein umgebauter Container aussieht.
Also überlegte ich mir eine einfachere Konstruktion: Ich legte die Fachwerkrahmen wie bei einem Kartenhaus im 90-Grad-Winkel aneinander, baute davon ein Modell und zeigte es Tobias ein paar Tage später mit der Frage, ob das technisch machbar sei. Das war es, und so wurde es gebaut. Es war nicht die einfachste oder platzeffizienteste Lösung, aber für mich war es die richtige. Ich bin sehr froh, dass ich mich bei einigen Themen durchgesetzt habe, auch wenn es nicht die «Standardlösung» war. In diesem Sinne waren die grössten Hürden die Standardlösungen, gegen die ich mich wehren musste oder wollte.

Der Pavillon ist bewusst kein «Tiny House», sondern eher ein leerer Raum, der unterschiedlich bespielt werden kann. Zurzeit steht er in Wädenswil und kann für Übernachtungen gemietet werden: ewindlin.ch
Gibt es ein Detail am Pavillon, das für Besucher:innen vielleicht unscheinbar wirkt, für Sie aber eine besondere Bedeutung hat?
EW: Der schönste Teil war für mich immer das Fachwerkskelett. Als Rohbau wird dieses jedoch üblicherweise verkleidet und ist zum Schluss nicht mehr sichtbar. Ich habe die raumhohen Fensterdetails so angepasst, dass die Fachwerkkonstruktion beim Pavillon von innen sicht- und erlebbar bleibt, inklusive der Holznägel und der aussteifenden Diagonalen. In meinem Heimatkanton Obwalden gibt es viele Ökonomiebauten, bei denen die Konstruktion auf einen Blick sichtbar ist – eine etwas primitive, aber direkte Konstruktion, die mir schon immer gefallen hat.
Der zweite Punkt, der mir wichtig ist, ist die gestalterische Nachhaltigkeit. Sie zeigt sich im «leeren» Grundriss, in den grosszügigen Fenstern auf drei Seiten und in den drei Türen für einen Raum von gerade einmal neun Quadratmetern. So lässt sich der Raum auf ganz unterschiedliche Arten nutzen, auch in hundert Jahren noch, wenn der Pavillon längst seine Besitzerin gewechselt hat. Die beste materielle Nachhaltigkeit nützt nichts, wenn die Architektur nur eindimensional nutzbar ist. Dann landet auch sie im Container. Nachhaltig ist, was lange bleiben darf.

Zeigen, woraus es ist: Das eigens entwickelte Fensterdetail macht das tragende Fachwerkskelett und die aussteifenden Diagonalen klar sichtbar.

Die Schalung besteht aus sägerohem Tannenholz mit sicht- und spürbaren Verarbeitungsspuren, gestrichen mit einer schwarzen Ölfarbe.
Was hat Sie während des Baus am meisten überrascht – über das Bauen an sich oder über sich selbst?
EW: Da fällt mir einiges ein. Am grundsätzlichsten überrascht mich, dass es tatsächlich möglich ist, mit genug Zeit etwas «Richtiges» und sogar Bewohnbares mit den eigenen Händen zu bauen. Das Material Holz ist nicht teuer. Teuer sind die Fertigbauteile, weil dort bereits externe Arbeitsstunden drinstecken. Das Doppelflügelfenster auf der Frontseite habe ich machen lassen, da ein bewegliches Fenster meine Fähigkeiten als Laien-Schreinerin definitiv überstieg. Dieses eine Bauteil kostete mich 4'200 Franken, fast ein Fünftel der gesamten Materialkosten, inklusive Kupferdach. Beim nächsten Mal würde ich auch das selbst herstellen und dafür vielleicht ein paar Details vereinfachen.
Überrascht hat mich auch mein eigener Durchhaltewille. Ab dem Moment, als die erste Eschenbohle aus der Sägerei eintraf, gab es kein Zurück mehr. Gegen Ende des Projekts war ich hochschwanger – die Deadline des Geburtstermins war gleichzeitig die Deadline dafür, mit dem Pavillon fertig zu werden.
Am meisten über mich gelernt habe ich aber wohl an dem Tag, an dem ich allein 2,5 Meter lange Holzwolldämmplatten aufs Dach montieren wollte. Ich arbeite grundsätzlich gerne für mich, doch da kam ich an meine Grenzen und rief unter Tränen meinen Partner an, der eine Stunde später in der Werkstatt stand. Dass es mir so schwerfällt, Hilfe anzunehmen, hat mich ein wenig schockiert.
Und schliesslich: Bauen mit Holz verzeiht viele Fehler, und davon sind mir als Laiin natürlich einige unterlaufen. Ich musste lernen, bei meiner eigenen Arbeit keinen «Pfusch» zu akzeptieren und im Zweifel noch einmal von vorne zu beginnen. Eine wertvolle Lektion.
«Ich musste lernen, bei meiner eigenen Arbeit keinen ‹Pfusch› zu akzeptieren und im Zweifel noch einmal von vorne zu beginnen.»
Wie hat dieses Projekt Ihren Blick auf das Handwerk und Ihre Haltung gegenüber der Architektur ganz allgemein verändert?
EW: In der Architektur wird zurzeit viel «geklotzt». Material ist günstig, Arbeit – und damit das Denken – sind teuer. Da liegt es nahe, einfach ein paar Zentimeter mehr in die Betondecke zu pumpen, statt eine etwas komplexere, dafür materialsparende Deckenkonstruktion auszutüfteln. Oft kann man auch Dämmstärken mit dem Bauphysiker herunterhandeln. Da frage ich mich, weshalb zu Beginn automatisch zu viel eingeplant wird.
Beim Pavillon musste und durfte ich die Handwerker:innen schon in der Konzeptphase einbinden. Nur so konnte ich mit ihrem Know-how das Beste aus Konstruktion und Architektur herausholen. Im Architekturalltag dagegen werden die Handwerker:innen durch die Ausschreibungsprozesse viel zu spät einbezogen. Es wären bessere und schönere Projekte möglich, dürfte man von Anfang an gemeinsam mit herausragenden Handwerker:innen und Planer:innen entwerfen.
Würden Sie wieder etwas selbst bauen? Wenn ja, was wäre Ihr nächstes Projekt?
EW: Ja, aber anders und grösser. Mich fasziniert der Gedanke des «schuldenfreien» Hauses: ein Haus, das ohne Hypothek auskommt, finanziert allein aus dem Eigenkapital von 200'000 bis 300'000 Franken, das man sonst einsetzen würde. Idealerweise gleich für mehrere Familien. Das setzt eine sehr enge Planung mit einem Holzbauer und weiteren Fachplaner:innen ab der Konzeptphase voraus. Es wäre ein Haus, das materielle und gestalterische Nachhaltigkeit zugleich erfüllt und für Menschen wie mich finanzierbar ist. Ein hochgestecktes Ziel. Dafür bräuchte ich diesmal allerdings wirklich einen fixen Bauplatz.
Der von Eliane Windlin gebaute Pavillon steht zurzeit in Wädenswil und kann hier gemietet werden: ewindlin.ch
Eliane Windlin schreibt zudem auf architektieren.ch über Architektur, Materialien und Konstruktion.

Haus auf Rädern: Der Pavillon darf mit Tempo 30 auf Landstrassen transportiert werden.