
Namensgebend: Vor langer Zeit als Fischgrätparkett verlegt, kommt das Design bei den heutigen Tischplatten erneut zum Einsatz und diente als Inspiration für den Namen des jungen Möbellabels aus Deutschland.
Wo einst auf den Zug gewartet, über den Schwebebalken stolziert oder einfach pompös gefeiert wurde, wird heute stilecht gespeist. Ja, genau richtig gelesen: Bei Fisch&Tisch aus dem mittelhessischen Aßlar entstehen aus nicht mehr nutzbaren Parkettböden alter Turnhallen, Bahnhöfe oder Villen neue Tische mit besonderem Twist.
Begonnen hat die Geschichte von Fisch&Tisch allerdings ganz woanders, nämlich im weitesten Sinne in der Mode. «2018 bin ich beim Durchstöbern alter Familienalben auf ein Bild von meinem Papa gestossen, auf dem er eine bunte Uhr getragen hat», erzählt Gründer Marius Gierhardt, der zuvor Textilbetriebswirtschaft studiert und Modemarken auf dem deutschen Markt aufgebaut hat. Die sogenannte Chromachron war ein Relikt aus den 80er-Jahren, das die Uhrzeit über ein besonderes Farb-Zeit-Konzept anzeigt.
Fasziniert von dem alten Accessoire seines Vaters, begab er sich in die Welt der Uhren. Weil es die Marke längst nicht mehr gab, beschloss der 33-Jährige, eigene Modelle zu fertigen. Made in Germany. Im Haus seiner Urgrosseltern fand er dafür einen kleinen Raum zum Tüfteln. Der dortige Teppichboden erwies sich allerdings als komplett ungeeignet, um staubfrei an Uhren arbeiten zu können.
Online fand er ein Inserat für altes Fischgrätparkett, das ideal für seine Zwecke war. Jedoch blieben drei bis vier Kisten mit Parkettstücken übrig, die für kein anderes Zimmer im Haus mehr reichten. Gierhardt, der handwerklich nicht ganz unbegabt ist, hatte eine Idee: «Mir kam relativ schnell ein Tisch in den Sinn, weshalb ich eine Instagram-Story machte und dort fragte, ob jemand Lust auf einen Tisch aus altem Parkett hat.» Das war das Urmodell von Fisch&Tisch und damit auch die Geburtsstunde des Labels im Jahr 2022.

Eigentlich von der Mode geprägt, hat sich Gründer Marius Gierhardt, der schon als kleiner Junge gern handwerklich aktiv war, das Schreinern autodidaktisch beigebracht.

Weil Opas alte Werkstatt zu klein wurde, machte sich Marius Gierhardt auf die Suche nach einem neuen Objekt. Die Backsteinhalle hat nicht nur reichlich Industrie-Charme, sondern auch jede Menge Platz, um parallel an mehreren Prozessen zu arbeiten.
Nicht ohne Hilfe der Community
Und der Name? Er ist mehr als nur ein netter Reim, wie der verheiratete Familienvater zweier kleiner Kinder erzählt: «Für mich war das Fischgrätmuster schon immer etwas Besonderes. Ich bin extrem ländlich aufgewachsen und bei uns gab es grösstenteils nur Fachwerkhäuser mit Nadelholzdielen.»
Schon während seiner Zeit in der Mode war Gierhardt oft in Showrooms mit wunderschönem Fischgrätparkett. Genau wie auch im Raum bei seinen Urgrosseltern. Da kam eins zum anderen. Damit seine Businessidee florieren konnte, brauchte es reichlich historisches Material.
«Am Anfang habe ich stundenlang auf eBay Kleinanzeigen verbracht und mir gefühlt jeden Parkettposten gesichert, da ich noch gar kein Gefühl dafür hatte, wie viel altes Parkett wirklich im Umlauf ist.» Mit wachsender Followerzahl in den sozialen Medien bekam er immer wieder Hinweise aus der eigenen Community, wo eine alte Halle abgerissen oder ein Haus aus der Nachbarschaft saniert werden sollte.
Mittlerweile hat er ein europaweites Netzwerk und bekommt wöchentlich diverse Böden angeboten. Bevor sich Gierhardt und sein Team allerdings auf den Weg machen, wird geklärt, ob der Boden überhaupt aufgearbeitet werden kann. Entscheidend ist, ob das Parkett mit dem Untergrund verklebt ist, denn viele alte Parkettkleber enthalten unzählige Schadstoffe. Das Format darf auch nicht zu kleinteilig sein, wie etwa bei Stäbchenparkett; andernfalls ist die teils maschinelle Aufarbeitung nicht möglich.
So reisten Gierhardt und seine Truppe bereits an die verschiedensten Orte, um Böden vor dem Holzcontainer zu retten. Inzwischen arbeitet man bei umfangreichen Posten wie Turnhallen- oder Bahnhofsböden mit grösseren Unternehmen zusammen, die sich auf den nachhaltigen Rückbau spezialisiert haben. Dadurch sind Fachfirmen involviert, die den Rückbau deutlich besser organisieren können und bei denen auch Schadstoffgutachten vorliegen.
Im richtigen (Augen)Blick
Damit mehrere Arbeitsschritte parallel laufen können, brauchte es irgendwann eine grössere Werkhalle. Diese fand Gierhardt durch Zufall: Auf einem alten Industriegebiet in Aßlar gab es eine scheinbar passende Fläche, allerdings hatte diese kaum Charme und war zudem riesig.
Sein Blick wanderte auf das gegenüberliegende Gebäude: eine freie Backsteinhalle mit grosszügigen Fensterflächen, die lediglich noch als Abstellfläche für Gerümpel diente. Er war begeistert. Wenn Gierhardt sich um die Entsorgung kümmere, bekomme er den Zuschlag – der Deal war perfekt.
Neben dem täglichen Betrieb von Fisch&Tisch finden jährlich zusätzlich ein bis zwei Events statt. So präsentierte man der Öffentlichkeit anlässlich des ersten Geburtstags des Labels erstmals die Halle sowie die neuesten Tischmodelle. Im Jahr 2024 wurde das Konzept der «Markthalle» ins Leben gerufen, bei dem regionale Künstler*innen die Werkhalle als Bühne für sich und ihre Arbeiten nutzen dürfen.
Natürlich kann Gierhardt nicht alle seine Ideen für Fisch&Tisch allein stemmen. Reichlich Rückenwind erhält er durch sein dreiköpfiges Team, bestehend aus zwei erfahrenen Schreinern und seiner Schwester, die das Projekt als Fotografin von Anfang an begleitet.

Mit Hilfe der Online-Community konnte das junge Label einst wachsen. Heute veranstaltet Fisch&Tisch regelmässig Events, um anderen Künstler*innen eine Bühne zu geben.

Schick aufgetafelt: Auch für 2026 ist noch ein kulinarisches Event geplant.

