Geschirr, das Farbe bekennt

Interview mit Nadia Studer von ÉMAÉ STUDIO

Emaille, das man sehen will – das gab es bisher nicht. Nadia Studer und ihr Mann Ramon haben es kurzerhand selbst in die Hand genommen: Mit ÉMAÉ STUDIO bringen sie handgefertigtes Emaille-Geschirr zurück auf den Tisch – farbig, alltagstauglich und mit ehrlichen Handwerksspuren. Im Interview erzählt Nadia, wie aus dem Elternalltag eine klare Vision wurde, warum sie das «Plastik-Universum» hinterfragt und weshalb hinter (oder eben auf) dem gedeckten Tisch für sie auch immer eine Prise Haltung steckt.

Porträt der Gründerfamilie von ÉMAÉ STUDIO: Nadia Studer mit Baby auf dem Arm, ihr Mann Ramon Studer auf einem rötlichen Design-Sofa sitzend und ihr älterer Sohn, der hinter dem Sofa mit einer Kamera spielt. Helles Interieur mit grossen Fenstern und weissen Vorhängen.

Nadia Studer hat ÉMAÉ STUDIO gemeinsam mit ihrem Mann Ramon gegründet – inspiriert vom Alltag mit ihren Söhnen.

Wann und wieso genau hast du beschlossen, dein eigenes Geschirr zu entwerfen?

Nadia Studer: Es fällt mir ehrlich gesagt schwer zu sagen, wo es genau angefangen hat. Irgendwo zwischen Babybrei und den ersten richtigen Mahlzeiten, als unser erster Sohn etwa ein Jahr alt wurde, hat mich das Thema Kindergeschirr zum ersten Mal wirklich erreicht. Wir hatten zur Geburt einige Objekte geschenkt bekommen und sie, ohne gross zu hinterfragen, in unseren Alltag integriert.

Die Optik hat mich schon damals gestört. Aber erst als nach einigen Einsätzen die Realität des Plastik-Universums wirklich einschlug, sind viele Fragen aufgekommen. Und sobald sie einmal im Raum standen, liessen sie sich nicht mehr wegdenken.

Gab es einen konkreten Moment, in dem du gespürt hast: So, jetzt mache ich das wirklich selbst?

NS: Es war eher ein langer, nicht linearer Prozess als ein klarer Anfangs- oder Endpunkt. Über Monate war es bei Ramon und mir ein Running Gag: dieser unmögliche Zustand von tonnenweisem Plastikgeschirr für Kinder. So weit das Auge reicht, sind alle Läden voll damit – und niemand stellt Fragen. Man vertraut der Auslage blind: Wird wohl schon gut sein, wenn es hier verkauft wird, und geeignet sowieso. Es muss sicher Teststellen geben, es ist ja für Kinder.

Fehlanzeige. Nach der Geburt unseres zweiten Sohnes wollte ich den Kompromiss nicht länger hinnehmen. Im Spätsommer 2025 erinnere ich mich an ein Gespräch zwischen Ramon und mir, in dem wir uns sagten: jetzt oder nie. Im November haben wir den Launch von ÉMAÉ STUDIO gefeiert.

Draufsicht auf ein Kind, das auf einem Holzstuhl sitzt. Es trägt einen leuchtend roten Strickpulli, Hosen mit Leopardenmuster und orangefarbene Socken. In der Mitte steht eine braun-weiss gesprenkelte Emaille-Schale (Mirari Bowl) von ÉMAÉ STUDIO, in deren Milchfüllung Schokobuchstaben das Wort „EMAE“ bilden.

Emaille, aber cool: ÉMAÉ STUDIO bringt den traditionellen Glas‑auf‑Metall‑Werkstoff zurück auf den Tisch.

Ein weisses Vintage-Schaukelpferd mit Lederzaumzeug steht an einem Tisch mit grün-weiss karierter Tischdecke. Es blickt direkt auf eine braun-weiss gesprenkelte Emaille-Servierplatte (Rim-Plate) von ÉMAÉ STUDIO.

Gemacht für jede Generation und jede Mahlzeit – zum Beispiel etwas Hafer fürs Rössli?

Was hat dich am vorhandenen Geschirrmarkt damals am meisten gestört oder enttäuscht – funktional, aber auch ästhetisch?

NS: Sobald man anfängt zu hinterfragen, welche Materialien wirklich geeignet sind für heisse Speisen, für fetthaltige Lebensmittel, für den täglichen Einsatz, wird schnell klar: Plastik ist in vielerlei Hinsicht schlicht ungeeignet. Und trotzdem ist es die absolute Norm.

Als wir in der Recherche für unsere eigene Kollektion tiefer drin waren und einige Manufakturpartner besucht haben, war auch hier die Herausforderung riesig, eine Partnerschaft zu finden, die bereit ist, vorauszudenken und offen ist, neue Gestaltungswege zu denken und umzusetzen. Der Markt ist extrem verstaubt, wenn man das so sagen darf. Deshalb sind wir umso zufriedener, Partner gefunden zu haben, die diesen Weg gemeinsam mit uns gehen.

Wie bist du dann beim Entwurf vorgegangen? Was war dir von Anfang an besonders wichtig?

NS: Von Anfang an war klar: Funktionalität und Design sind kein Widerspruch – sie bedingen einander. Ich wollte Objekte, die im Alltag bestehen. Form, Farbe und Haptik – alles sollte eine Haltung haben. Als Designerin denke ich in Gesamtbildern, und der gedeckte Tisch ist für mich ein solches.

Ein reich gedeckter, hellblau-weiss karierter Tisch mit verschiedenen gesprenkelten Emaille-Schalen und -Bechern von ÉMAÉ STUDIO in Blau, Rot, Braun und Schwarz. In den Schalen befinden sich Reste von Speisen wie Salat, Suppe und Granatapfelkernen. Eine Hand im rosa-weiss gestreiften Hemd greift nach einer blauen Schale.

Das Geschirr darf nach dem Essen einfach mal stehen bleiben, weil es auch leer gegessen noch gut aussieht.

Ein Mädchen in einem rosa T-Shirt lehnt lachend den Kopf auf einen blau-weiss karierten Tisch und hält sich eine Erdbeere vor den weit geöffneten Mund. Vor ihr steht eine schwarz-weiss gesprenkelte Emaille-Schale (Mirari Bowl) von ÉMAÉ STUDIO, die hoch mit Heidelbeeren und Erdbeeren gefüllt ist. Weitere einzelne Heidelbeeren liegen auf dem Tisch verteilt.

Inspiriert von den Kleinen, lässt die «Mirari Collection» die kindliche Freude an den schönen Momenten im Alltag wieder aufleben.

Wie bist du auf das Material Emaille gekommen – und was kann es für dich, was andere Materialien nicht können?

NS: Wir besassen schon immer Emaille-Objekte, eines davon ist das altbekannte Milchkrügli von Grosi. So etwas hat fast jede:r noch zuhause oder einmal geerbt. Leider ist das Wissen um den Werkstoff und seine Einsatzmöglichkeiten in unserer Generation vergessen gegangen.

Das Material aus Stahl und Glas ist nachhaltig, lebensmittelecht, hitzebeständig und langlebig. Gleichzeitig ist Emaille extrem multifunktional: Es lässt sich auf allen Herdarten, im Ofen, auf dem Grill oder über dem Feuer nutzen. Kochen, servieren, essen, aufbewahren, wieder aufwärmen – all das ist mit demselben Stück möglich. Gerade dadurch entdeckt man im Alltag oft ganz neue Anwendungen für sich.

Aus gestalterischer Sicht bietet Emaille Spielraum und setzt ihm dennoch klare Grenzen. Genau das macht es für uns spannend.

«Ein farbiger Tisch ist kein oberflächlicher Akt, sondern eine Entscheidung für ein bestimmtes Lebensgefühl.»  

Du sprichst von Farbe und Form mit Haltung: Was genau sollte dein Geschirr ausstrahlen, wenn es auf dem Tisch steht?

NS: Freude und bunte Gemeinschaft. Studien belegen seit Jahren, was wir intuitiv alle kennen: Farbe verändert unser Gemüt. Sie beeinflusst Stimmung, Energie und sogar, wie wir miteinander sprechen. Ein farbiger Tisch ist kein oberflächlicher Akt, sondern eine Entscheidung für ein bestimmtes Lebensgefühl.

Ich möchte, dass ein gedeckter Tisch mit ÉMAÉ STUDIO-Objekten sagt: Hier wird bewusst und schön gelebt. Ein Tisch, der zum Verweilen einlädt und Gespräche entstehen lässt. Nicht perfekt, aber mit Farbe, Haltung und Absicht.

Dazu kommt das Handwerk. Jedes Stück ist anders – nicht nur in der Zeichnung des Musters, sondern auch in Details wie der Dicke des Farbauftrags. Die Spuren der Herstellung bleiben sichtbar und machen jedes Objekt einzigartig.

Für uns hat Haltung auch mit Qualität zu tun. Gerade mit der Entwicklung von AI und unserem digitalen Konsum haben wir kollektiv erlernt, dass Makellosigkeit für Perfektion und Qualität steht. Dem ist aber nicht so. Kleine Eigenheiten und sichtbare Spuren sind für uns Gütesiegel und Zeugnisse echter Handarbeit.

Detailaufnahme aus der Manufaktur: Ein behaarter Männerarm hängt einen beige-schwarz gesprenkelten Emaille-Teller an einem Metalldraht in ein Trocknungs- oder Brenngestell. Im Hintergrund sind weitere aufgehängte Becher und Schalen in Terrakotta und Grün erkennbar.

Emaille ist ein ehrliches Material, das die Spuren seiner Entstehung in sich trägt – wie hier an den Punkten, an denen die Objekte für den Brennvorgang aufgehängt werden.

Wieso diese vier Objekte – Karaffe, Teller, Schale und Mini-Mug – als erste Kollektion?

NS: Jedes Objekt ist bewusst entstanden und ausgewählt worden. Nicht nur formal, um einen schön gedeckten Tisch zu ermöglichen, sondern auch wegen seiner Vielseitigkeit.

Die Mini-Mugs zum Beispiel sind gleichzeitig Kaffeetasse, Porridgebecher, Suppentasse und Mini-Cakeform – und noch vieles mehr. Unsere Carafe ist gut für Eistee, sie eignet sich aber genauso gut, um einen Tomaten-Sugo einzukochen oder eine Gerstensuppe zuzubereiten.

Multifunktionalität ist kein Kompromiss, sie ist die Prämisse. Wir wollten Objekte, die mitdenken – echte Alleskönner:innen.

Und die Farben und Sprenkel?

NS: Das Sprenkelmuster stammt aus dem Musterbuch unserer Manufaktur. Im Emaillebereich hat diese Technik eine lange Tradition, besonders in der Türkei. Wir haben gemeinsam definiert, wie Sprenkelung, Form und Farbgebung zusammenspielen sollen und welche Farbwelten sie verkörpern und verbinden. Am Ende bleibt das Handwerk die Meisterin: Jedes Objekt entwickelt sich innerhalb der vorgegebenen Parameter – beginnend mit Form, Grundemaillierung, Farbemaillierung und mehreren Ofengängen bei 800 °C – individuell zu einem optisch einmaligen Stück.

Im Sprenkelmuster der «Mirari Collection» entdeckt jede:r andere Formen und Geschichten – wie beim Blick in die Wolken. Wir laden so dazu ein, genau hinzuschauen und diese kindliche Freude an den kleinen schönen Dingen im Alltag aufzunehmen und zu geniessen.

Studio-Produktfoto einer zylindrischen Emaille-Karaffe mit Deckel von ÉMAÉ STUDIO. Das Muster besteht aus lebendigen, fliessenden Farbspritzern in leuchtendem Rot (Tomato) auf einem hellrosa Hintergrund (Peony). Cleane, minimalistische Ästhetik vor einem neutralen, hellen Hintergrund.

Heute Blumenvase, morgen Saftkrug und übermorgen Gefäss für die Gerstensuppe – die Objekte von ÉMAÉ STUDIO sind echte Alleskönner.

Ein Stapel aus sieben verschiedenen, bunt gesprenkelten ÉMAÉ-Mini-Mugs. Die Becher sind in einer Pyramidenform vor einem neutralen, hellen Hintergrund arrangiert und zeigen die gesamte Farbpalette der Mirari Collection: von kräftigem Blau und Rot über erdiges Braun und Schwarz bis hin zu sanftem Grün und Beige. Minimalistisches Studio-Produktfoto.

Die «Mirari Collection» zeigt ein traditionelles Sprenkelmuster, neu interpretiert in sieben kuratierten Farb- und Formkombinationen.

Hat dich das Muttersein als Designerin verändert?

NS: Ja, fundamental. Es hat meinen Blick auf Dinge geschärft, die gleichzeitig schön und alltagstauglich sein müssen. Es hat mich auf eine absurde Art zu einer Effizienz gezwungen, die ich davor nie geahnt hätte.

Der Elternalltag bringt viele Herausforderungen, aber auch neue Perspektiven. Ich geniesse die kindliche Kreativität und die naive Sicht auf die Welt, die mich immer wieder zum Neudenken anregt.

Dazu kommt, dass ich als Designerin ziemlich wählerisch bin, was für Dinge in unser Zuhause einziehen dürfen. Und ja, mit Kindern ziehen so einige Objekte ein.

Als Mutter denke ich auch in Situationen: Was passiert wirklich am Tisch? Was überlebt den Alltag? Die Gestalterin hinterfragt dann wieder: Was macht Freude – und zwar allen Generationen am Tisch?

 

«Das Muttersein hat mich auf eine absurde Art zu einer Effizienz gezwungen, die ich davor nie geahnt hätte.»   

Wie nutzt du selbst die «Mirari Kollektion» im Alltag – und gibt es ein Stück, das dir besonders nah ist?

NS: Natürlich sind alle Objekte bei uns im täglichen Gebrauch. Wir testen auch viel mit neuen Formen und Farben direkt in unserem Alltag.

Mein persönlicher Favorit ist die Rim-Plate. Wir essen – wie man als Eltern weiss, ständig – immer daraus, aber sie kann so viel mehr als ein schöner Teller sein. Ich backe Brot und Quiche darin, grille damit, koche morgens Porridge, lagere Essen im Kühlschrank oder wärme noch einmal ein Abendessen auf.

Sie ist das Objekt, das mich jeden Tag daran erinnert, warum wir auf Multifunktionalität gesetzt haben – weil es im Alltag wirklich funktioniert.

Porträt einer lächelnden jungen Frau mit kurzen Haaren und grünem Strickpullover, die einen großen Stapel bunter, gesprenkelter Emaille-Schalen (Mirari Bowls) von ÉMAÉ STUDIO in den Armen hält. Die Schalen in verschiedenen Farben wie Rosa, Grün, Beige, Blau und Braun sind ineinander gestapelt und zeigen das charakteristische Sprenkelmuster der Kollektion.

Können (fast) alles und sind auch noch schön – die Rim-Plates von ÉMAÉ STUDIO.

Wieso produziert ihr in der Türkei und worauf hast du bei der Wahl der Manufaktur besonders geachtet? Hast du die Produktionsstätten selbst besucht?

NS: Auf der Suche nach einem passenden Partner haben wir mehrere Manufakturen besucht und kennengelernt. In der Manufaktur in der Türkei war ich eine ganze Woche vor Ort und habe mit dem Team an allen Schritten mitgearbeitet.

Für mich war dieser Besuch kein Nice-to-have, er war ein Grundstein. Ich wollte verstehen, wie Emaille entsteht, welche Gestaltungsspielräume das Material bietet, und ich wollte die Menschen kennenlernen, mit denen wir arbeiten. Den persönlichen Kontakt halte ich für unverzichtbar. Am Ende dieser Woche hatte ich zwei Umzugskartons voller neu gestalteter Emaille-Objekte. Sie bilden die Basis für unsere nächsten Kreationen.

Wenn du drei Jahre weiterdenkst: Wo steht ÉMAÉ STUDIO dann?

NS: Ich wünsche mir, dass die Menschen Emaille wieder kennen und verstehen, was dieses Material kann. Und dass die Frage «Woraus esse ich eigentlich?» wieder selbstverständlich wird. Wenn ÉMAÉ STUDIO dazu beiträgt, dass Menschen bewusster in ihre Alltagsobjekte investieren, dann haben wir etwas richtig gemacht.

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