Aufbruch statt Abbruch

Wissensplattform der SIA FEB

Porträt von Daniela Aeberli in einem hellen Innenraum, mit verschränkten Armen an einer weissen Wand stehend, schwarze Bluse, weisse Hose, blondes Haar.

Daniela Aeberli ist Architektin bei Aeberli Architekten Vorstandsmitglied bei der SIA Fachgruppe zur Erhaltung der Bauwerke (FEB). Sie hat die Plattform «Aufbruch statt Abbruch» mitgegründet.

Die Plattform «Aufbruch statt Abbruch» soll für Bauherrschaften, Architekt:innen sowie andere Interessierte Antworten auf die häufigsten Fragen geben, wie man einen Bestandsbau weiterentwickeln, umbauen und instand setzen kann. So soll die Plattform dem Abbruch entgegenwirken. Mitgründerin Daniela Aeberli von Aeberli Architekten erzählt, wie die Idee entstanden ist und was die Plattform konkret an Mehrwert liefert.

Was war der konkrete Anstoss für die Gründung von «Aufbruch statt Abbruch»?

Daniela Aeberli: Ich war damals neu als Vorstandsmitglied zur SIA FEB, der Fachgruppe für die Erhaltung der Bauwerke, gestossen. Das Jahr war dort schon immer sehr durchstrukturiert – von der Jurierung der Studentenpreise im Frühling über die Exkursion bis zur Generalversammlung im Herbst. Kurz vor Corona war man sich aber einig: Es braucht ein neues Schwerpunktthema. So ist die Idee für «Aufbruch statt Abbruch» entstanden.

Wer waren die Initiator:innen der Plattform?

DA: Ich selbst zusammen mit Rolf Schaffner von Schaffner Architekten und Alois Diethelm von Diethelm Spillmann Architekten. Beim Bauen im Bestand gibt es ja im Grunde zwei Felder: geschützte Bauten, also Inventar- oder Schutzobjekte, und alle anderen. Gerade bei diesen «anderen» wird viel zu oft abgebrochen, das hat uns schon immer gestört. Mit der Plattform wollten wir zeigen, dass es auch anders geht.

Startseite der Website «Aufbruch statt Abbruch» mit zwei nebeneinanderstehenden Bereichen: links die Bauten-Sammlung mit Text, Foto eines Innenraums und dem Projektname The Brick 80, rechts die Wissensplattform mit mehreren Fragen zum Weiterbauen und Sanieren im Bestand.

Die Webseite «Aufbruch statt Abbruch» besteht aus zwei Teilen: der Bautensammlung und der Wissensplattform.

Welches Ziel verfolgt die Plattform grundsätzlich: Was soll sich durch sie im Umgang mit Bestandsbauten verändern?

DA: Wir wollten zeigen, wie gross die Bandbreite im Umgang mit Bestandsbauten ist. Es geht dabei vor allem auch um grössere Bauten wie Mehrfamilienhäuser oder ganze Siedlungen. Die Beispiele sollen die ganze Spannweite von minimal bis maximal invasiven Eingriffen zeigen. Das Besondere an der Plattform sind auch die Kennwerte. Damit sollen Planende und Investoren etwas in der Hand haben. Wir wollten nicht nur schöne Bilder oder Pläne sammeln, sondern auch belastbare Daten und Fakten, die Argumente schaffen – z. B. gegenüber institutionellen Bauherrschaften.

Was sind das genau für Kennwerte?

DA: Wir haben diese selbst definiert bzw. erweitert, es gibt sie so an anderen Orten nicht. Es geht vor allem um Mengenkennwerte, also Flächen und Volumen. Oft sind wir als Architekt:innen ja gezwungen, diese Daten zu erheben, zum Beispiel als Teil eines Vorprojekts oder Bauprojekts, das man an institutionelle oder öffentliche Bauherren liefert. Diese werden dann benötigt, um weitere Kennwerte zu berechnen, wie zum Beispiel den Energiebedarf pro Quadratmeter. Man muss Themen wie Energie, Schallschutz, Füllungsfaktoren, etc. auch in Relation setzen können.

Der häufigste Grund für einen Rückbau ist sicher die Ausnützung der Parzelle, also die Rendite, und die Tragsicherheit.  

Nach welchen Kriterien werden Bauwerke in die Sammlung aufgenommen?

DA: Am Anfang hatten wir eine sehr breite Sammlung, aber bald haben wir gemerkt, welche Bauten uns am meisten interessieren: Wohnbauten, die zwischen 1945 und 2000 entstanden sind. Diese sollten zudem in den letzten zehn Jahren umgebaut oder instandgesetzt worden sein, denn Bauvorschriften, Bauzonenordnungen und auch SIA-Normen ändern sich laufend. Ein Projekt, das 30 Jahre alt ist, wurde zum Beispiel in Bezug auf die Erdbebenertüchtigung ganz anders gerechnet als heute — deshalb diese Anforderung an die Aktualität eines Projekts.

Warum liegt der Fokus auf Bauten aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts beziehungsweise auf Wohnbauten von 1945 bis 2000?

DA: Weil das genau die Bauten sind, bei denen besonders viel abgebrochen wird — gerade Gebäude aus den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren. Es sind oft Bauten mit gewissen Defiziten, weil sie einfach und günstig gebaut wurden, gleichzeitig aber noch viel Potenzial haben. Dazu kommt: Ein Gebäude hat einen natürlichen Lebenszyklus, oft spricht man von 30 bis 40 Jahren. Dann müssen zum Beispiel Haustechnik und Innenausbau erneuert werden, Oberflächen sind abgenutzt oder es gibt funktionale Defizite. Früher hiess es oft, ein Gebäude solle 100 Jahre halten — aber so einfach ist es heute nicht mehr.

Warum denn eigentlich nicht?

DA: Das hat viele Gründe. Zum einen ändern sich die Anforderungen an die Ausnutzung einer Parzelle. Man merkt plötzlich, dass ein Grundstück eigentlich untergenutzt ist und man die doppelte oder dreifache Nutzfläche darauf unterbringen könnte. Dann spielen auch die Pflege und der Unterhalt eine Rolle: Wenn zu wenig investiert wurde, entsteht ein Rückstau. Dazu kommen bauphysikalische Themen wie Zugluft, Ringhörigkeit, fehlender Lift oder ein nicht mehr zeitgemässer Grundriss. Und natürlich auch Schadstoffe: Gerade in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren wurde sehr viel mit Asbest gebaut. Der häufigste Grund für einen Rückbau ist aber sicher die Ausnützung der Parzelle, also die Rendite, und auch die Tragsicherheit.

Screenshot der Website «Aufbruch statt Abbruch» mit der Überschrift «Wohnen im Gebäudebestand von 1945–2000» und einer sechsteiligen Übersicht von Bauprojekten in einem Raster mit Foto, Titel und Kurzbeschreibung, darunter unter anderem Umnutzung Steinerstrasse, Hegianwandweg, Erneuerung MFH Giacometti­strasse, The Brick 80, Umnutzung Felix Platter-Spital und Umbau Triemlistrasse.

Die Bautensammlung umfasst bereits 27 Objekte und wird laufend erweitert.

Welche Lücken soll die Wissensplattform schliessen, und welche typischen Fragen aus der Praxis beantwortet sie?

DA: Die Wissensplattform behandelt die wichtigsten Themen, die beim Umbau immer wieder auftauchen: Fragen an das Tragwerk, an die Energie, den Schallschutz, die Technik und den Brandschutz. Dazu kommt heute auch die Frage der Inklusion und der Nutzbarkeit für Menschen mit Einschränkungen. Wenn man sich mit Bauen im Bestand beschäftigt, stösst man immer wieder auf genau diese Themen. Beispielsweise gibt die Plattform Antwort auf Fragen wie: Muss man die Barrierefreiheit bei einem Mehrfamilienhaus ab neun bis zehn Wohnungen gewährleisten? Oder bei einem Gebäude mit 50 Arbeitsplätzen? Die Plattform soll diese Fragen geordnet und übersichtlich zusammenführen, sodass man sich in Ruhe informieren kann. Zudem wird sie laufend überarbeitet und ergänzt.

Was wünschen Sie sich langfristig? Wie soll die Plattform dazu beitragen, dass Weiterbauen im Bestand häufiger als Abriss gewählt wird?

DA: Ganz persönlich finde ich den Slogan «Aufbruch statt Abbruch» super. Die Plattform soll dazu führen, dass man zwei- oder dreimal nachdenkt: Kann man ein Gebäude nicht erhalten? Kann man es, salopp gesagt, nicht flicken? Das ist für mich der grösste Hebel in Sachen Nachhaltigkeit – mit dem Bestand weiterarbeiten und ihn weiterführen. Es gibt dabei wirklich eine riesige Bandbreite an Beispielen – von minimalen Eingriffen bis hin zu Überformungen, bei denen vom Bestand kaum noch etwas sichtbar ist und das Ganze wie ein Neubau wirkt. Vielleicht kann die Plattform sogar auf legislativer Ebene etwas bewegen – etwa indem man darüber nachdenkt, wie Abbruch stärker hinterfragt oder zunehmend unattraktiv gemacht werden könnte.

aufbruch-statt-abbruch.ch

Webseite der Wissensplattform Bauen im Bestand mit Einleitungstext zu Normen und Spielräumen bei Eingriffen in bestehende Gebäude sowie acht orangefarbenen Themenkacheln zu Tragwerk, Energie, Schallschutz, Barrierefreiheit, Absturzsicherheit, Gebäudetechnik, Brandschutz und Diverses.

Die Wissensplattform bündelt wertvolle Inputs zum Umbauen in Themenbereichen wie Tragwerk, Energie, Schallschutz oder Barrierefreiheit.