«Der künstlerische Ausdruck steht im Vordergrund»

Atelier Altherr Weiss

Ein Porträt des Zürcher Designduos Altherr Weiss, bestehend aus einer Frau und einem Mann, die in ihrem minimalistisch weissen Atelier vor einem markanten, glänzenden Metalltisch posieren. Die Frau trägt eine helle Bluse und weite helle Hosen, während der Mann in einem schwarzen Poloshirt und dunklen Hosen links neben ihr steht; im Hintergrund leuchtet ihr Name „ALTHERRAWEISS“ als weisse Neonschrift an der Wand.

Duo: Zuzanna Weiss und Christian Altherr lernten sich 2013 in Mailand kennen und gründeten einige Jahre später ein gemeinsames Studio in Zürich.

Das aktuelle Atelier von Altherr Weiss hat mehr etwas von einer Galerie. Durch das Schaufenster erkennt man ein fast raumfüllendes rot lackiertes Metallobjekt, das etwas von einer Treppe oder Pyramide hat. Diese hybride Anmutung prägt ganz allgemein die Arbeit von Altherr Weiss. 2017 durch Zuzanna Weiss und Christian Altherr gegründet, siedelt sich das Werk des Duos im Grenzbereich zwischen Design und Kunst an. Weitere Objekte aus der gleichen Serie wie besagte Pyramide haben durchaus eine Funktion: Man kann sie etwa als Regal nutzen. Was man ihnen nicht mehr ansieht: Dass sie aus wiederverwendeten Beleuchtungskörpern einer Migros-Filiale stammen. Darauf deutet höchstens noch der Name «Succession» (Nachfolge) hin. In ihrem Zürcher Atelier wird an Projekten wie diesen gearbeitet, ausgeführt werden sie an unterschiedlichen Orten, etwa in einer familiengeführten Spenglerei oder in der Kunstgiesserei St. Gallen. Manchmal müssen Altherr und Weiss lange suchen, bis sie einen geeigneten Produktionsort finden. Das war etwa bei ihrer Trinkflasche «Tilt» der Fall, deren besondere Form technisch eine Herausforderung war. 

Ein vertikales Designobjekt von Altherr Weiss, bestehend aus vier schmalen, violett-blauen Säulen, in die industriell wirkende Rasterleuchten mit Leuchtstoffröhren integriert sind. Die minimalistische Lichtinstallation steht vor einer neutralen weissen Wand auf einem grauen Betonboden.

«Succession»: Eigentlich suchten Altherr Weiss nur nach Leuchten für ihr Atelier. Daraus entwickelten sie schliesslich ein eigenes Projekt.

Eine auffällige, leuchtend rote Installationsskulptur mit dem Titel „Pyramid“ von Altherr Weiss in einem minimalistischen Gallerieraum. Das Objekt gleicht einer breiten, flach ansteigenden Treppe aus Metallsegmenten, die im hinteren Bereich steil abfällt und von unten indirekt beleuchtet wird, sodass sie über dem Betonboden zu schweben scheint.

Skulptural: Die Pyramide besteht aus ausrangierten Leuchten aus der Migros.

Ich bin zum ersten Mal im September 2021 auf eure Arbeit gestossen, als der Salone del Mobile wegen der Pandemie im Herbst stattfand. Eure Trinkflasche «Tilt» war anders als diejenigen, die ich bisher kannte. Wie kam es zu diesem Projekt?

Christian Altherr: Wir beobachteten, dass immer mehr Leute wiederauffüllbare Flaschen nutzen, was ja in mehrfacher Hinsicht sinnvoll ist. Aber wir waren mit den existierenden Modellen nicht zufrieden.
Zuzanna Weiss: Viele davon sind unpraktisch zum Auffüllen oder haben Plastik zwischen Deckel und Flasche. Ich will kein Plastik in meinem Wasser.
CA: Auch Aluminium wollten wir nicht verwenden. Wir beschlossen, für unseren Entwurf medizinischen Edelstahl zu nehmen. Das Material ist extrem hygienisch.
ZW: Wir haben uns auch viele Gedanken zur Form gemacht. Wir wollten etwas Schönes kreieren, das etwas von einem modischen Accessoire hat, wie etwa eine Brille oder eine Uhr. Und wir wollten die Flaschen in der Schweiz produzieren.

Was waren eure Erfahrungen bei der Suche nach einem Herstellungsort?

CA: Wir wandten uns zunächst an einen bekannten Hersteller. Aber wegen der asymmetrischen Form der Flasche schien das dort nicht machbar zu sein. Auch die Härte von Edelstahl war ein Problem.
ZW: Schliesslich fanden wir eine Manufaktur, die diese Form machen konnte. Aber es war nicht selbstverständlich. Das wurde uns erst dann bewusst. Ich selbst bin keine Designerin und bin von der skulpturalen Anmutung ausgegangen. Und diesbezüglich wollten wir keine Kompromisse eingehen.

Das Designduo Altherr Weiss bei der Arbeit in einem hellen, weissen Raum, umgeben von mehreren vertikalen, industriell anmutenden Leuchtelementen. Eine Frau in heller Kleidung steht links und justiert eine der Leuchten an der Wand, während ein Mann in schwarzer Kleidung davor kniet und eines der hell leuchtenden Objekte betrachtet.

Unterwegs: Altherr Weiss arbeiten je nach Projekt an unterschiedlichen Orten.

Du hast soeben erwähnt, dass du keine Designerin bist. Was ist euer Hintergrund?

ZW: Wir sind beide Künstler. Ich habe ursprünglich Animation studiert und ging während meines Studiums am Royal College of Art in London durch alle Abteilungen. Christian und ich lernten uns 2013 in Milano kennen und es entstand daraus eine Zusammenarbeit. Wenn wir etwas machen, starten wir immer mit einer Erkundung. Das kann auch zu einem funktionalen Objekt führen. Der künstlerische Ausdruck steht aber im Vordergrund. Wir legen uns auch bezüglich der Materialien nicht fest.
CA: Wir kreieren meistens Objekte, mit denen wir leben möchten. Ob sie eine Funktion haben oder nicht, ist irrelevant. 

«Wir kreieren meistens Objekte, mit denen wir leben möchten. Ob sie eine Funktion haben oder nicht, ist irrelevant.»  

Bei eurem Projekt mit den Migros-Leuchten arbeitet ihr mit dem Mittel der Verfremdung. Könnt ihr erzählen, wie ihr dazu gekommen seid?

ZW: Wir waren auf der Suche nach Leuchten für dieses Atelier, das wir selbst renoviert haben. Es gab kein Licht. Die Entwürfe, die uns gefielen, waren aber für uns zu diesem Zeitpunkt nicht erschwinglich.
CA: Zufälligerweise waren wir im Migros Do It, als sie gerade diese Leuchten von der Decke nahmen. Wir fragten, ob wir ein paar davon haben könnten. Sie willigten ein, aber nur, wenn wir alle nehmen und sie am selben Tag abholen. Es waren rund 300 Stück.
ZW: Nachdem wir unser Atelier mit einigen davon eingerichtet hatten, blieben viele übrig. Uns fiel auf, dass das Material von sehr guter Qualität war. Wir begannen, damit Türme zu bauen. Als Nächstes kam das Element Farbe hinzu. Die Leuchten wurden zu einer Art Rohstoff, mit dem wir arbeiten konnten. Durch diesen Prozess wurden die Objekte zu etwas Neuem, das eine ganz andere Wertigkeit bekam.
CA: Wenn alle Teile aufgebraucht sind, ist das Projekt abgeschlossen.

Eine Studioaufnahme des Objekts „Tilt“ von Altherr Weiss: Ein hochglänzender, handpolierter Metallzylinder mit einer abgerundeten Kappe und einem asymmetrisch platzierten, geriffelten Verschlussdeckel aus Silber oder Chrom. Die spiegelnde Oberfläche des skulpturalen Gefässes erzeugt starke Kontraste zwischen tiefem Schwarz und hellem Glanz vor einem neutralen, hellgrauen Hintergrund.

«Tilt»: Die Wasserflasche ist funktional und hat zugleich etwas von einem modischen Accessoire.

Eine atmosphärische Nahaufnahme zeigt, wie das glänzende Metallgefäss „Tilt“ von Altherr Weiss unter dem flachen Auslauf einer modernen Chrom-Armatur in einem weissen Waschbecken befüllt wird. Eine Hand hält das Objekt waagerecht, um die funktionale Handhabung in einem dunklen, eleganten Interieur mit schwarzer Wand zu demonstrieren.

Clever: Die schräge Öffnung erlaubt das Auffüllen unter jeder Art von Wasserhahn.

Gibt es andere Ressourcen und Materialien, die euch interessieren?

ZW: Ein Material, mit dem wir schon verschiedentlich gearbeitet haben, ist Bienenwachs. Wir sind auf eine Firma gestos­sen, die Bienenwachsplatten produziert.
CA: Wir fragten die Leute, was die grösstmögliche Dimension dieser Platten wäre. Wir haben eine Grösse von 2,5 Meter mal 75 Zentimeter geschafft. Sie waren selbst neugierig, Grenzen auszuloten.
ZW: Das war unser Ausgangsmaterial. Es ist wunderbar, mit Wachs zu arbeiten, und es riecht fantastisch. Für eine Bierbrauerei, die auch Honig verwendet, haben wir eine Installation mit bogenförmigen Strukturen aus Armierungseisen gemacht und diese mit Wachsplatten überzogen. Wir wollten damit auf Bienen und andere Bestäuber aufmerksam machen, ohne die auf diesem Planeten nichts geht. Ich würde gerne wieder so etwas machen. Mich interessiert unter anderem auch die kulturelle Bedeutung von Bienen, Wachs und Honig.

Wie sind eure unterschiedlichen Projekte miteinander verbunden?

ZW: Meistens führt das eine Projekt zum nächsten. Die Strukturen, die ich vorher erwähnte, haben wir in einer früheren Version mit Textilien überzogen.
CA: Das Ganze begann mit einem Kanubauer, der Holz mit Dampf biegt und dann über diese Strukturen Textilien dehnt. Dieser Prozess faszinierte uns. Weil Holz nicht ganz unkompliziert ist, setzten wir diesen Auftrag am Ende mit Eisenstangen um. Es ist ein sehr vielfältiges Material, das Flexibilität und Stabilität bietet und quasi ein räumliches Skizzieren ermöglicht.

Draufsicht auf einen Arbeitstisch aus Edelstahl, an dem das Designduo Altherr Weiss gemeinsam an einem Skizzenbuch arbeitet. Man sieht ihre Hände über den Seiten, die technische Zeichnungen und eine markante rote Skizze einer leiterähnlichen Struktur zeigen; auf dem Tisch liegen zudem ein Entwurfsfoto, Farbmuster und kleine Werkzeuge, die den kreativen Designprozess dokumentieren.

Skizzieren und Diskutieren: Eine Idee nimmt Form an.

Was sind weitere Felder, die euch inspirieren?

ZW: Ich finde, Mode kann extrem inspirierend sein. In der Haute Couture gibt es viel handwerkliches und künstlerisches Know-how. Auch so schillernde Figuren wie die legendäre Diana Vreeland faszinieren uns. Und die Uhrenindustrie interessiert uns ebenfalls sehr.

Gibt es Wunschprojekte?

ZW: Wir würden gerne limitierte Editionen der Flasche mit spezialisierten Firmen wie zum Beispiel Uhrenbrands umsetzen.
CA: Und eine neue Idee für ein Projekt mit Wachs und Honig haben wir auch. Weil es aber sehr gross ist, bräuchten wir dafür eine Institution oder eine Galerie, die uns unterstützt.

altherrweiss.ch

«Honey Experience»: Ausgangspunkt für die Kunstinstallation war die Beschäftigung mit Bienen.

Zirkulär: 18 Waben wurden mit 130 Qua­dratmeter Bienenwachs überzogen. Nach der Ausstellung wurde das gesamte Wachs an den Imker zurück­gegeben.

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